Interview

Sputnic: Ein kleines Gespräch über Kultur in Krefeld

Foto: Patrick Pekal

Wer in Krefeld das Wort „Sputnic“ hört, denkt mittlerweile nicht mehr an den russischen Satelliten, sondern an ein kreatives Trio. Denn Malte Jehmlich, Nicolai Skopalik und Nils Voges haben im August mit ihrer Guerilla-Aktion zur „Quer geschnitten“-Ausstellung im Kaiser-Wilhelm-Museum ganz schön für Aufsehen gesorgt. Unter dem fiktiven Agenturnamen „Wostok“ schickten sie Politik, Verwaltung und Presse Ideen für das Kaiser Wilhelm Center. Das ehrwürdige Museum als Einkaufstempel? Eine kurze, erregte Debatte begann, dann wurden Sputnic enttarnt. Mittlerweile haben sich die Wogen geglättet. Zeit, ein Fazit zu ziehen.

Das Kaiser Wilhelm Center

Ihr habt ja mit eurer Guerilla-Aktion ganz schön für Aufsehen gesorgt. Welche Reaktionen gab es auf das Kaiser Wilhelm Center?

Malte: Ganz verschiedene. In der Presse waren sie positiv als auch negativ, was man dann als erstes in den Leserbriefen mitgekriegt hat. Es gab geteilte Meinungen und genau so war‘s ja auch gedacht: Es sollte ja direkt eine Diskussion losgehen. Einige haben gefragt: „Dürfen die das?“ Andere fanden uns „unverschämt“. Wiederum andere haben sich beschwert: „Gerade jetzt vor der Kommunalwahl, das kann man doch nicht machen.” Aber im Nachhinein waren es überwiegend positive Reaktionen, die vor allem aus der Kunst- und Kulturszene kamen. Aber da kann man ja auch erwarten, dass diese Leute eher positiv auf die Aktion reagieren. Und es ist niemand privat auf uns zugetreten und hat uns beschimpft.

Nicolai: Es sind keine Eier oder Tomaten geflogen… (lacht). Es gab auch sehr lustige Reaktionen. Einer hat zum Beispiel auf unseren Wostok-Anrufbeantworter angerufen und bereits Räume angefragt für den Gastronomie-Bereich im Kaiser Wilhelm Center. Das ist natürlich eine Reaktion, über die wir uns besonders gefreut haben.

Nils: Ein Architekturbüro hat auch noch angerufen.

Nicolai: Wir haben ja nicht nur alle Ratsmitglieder angeschrieben, sondern auch die Industrie- und Handelskammer und den Einzelhandelsverband. Wir wollten die Kontroverse ja sehr breit streuen. Das war Phase eins. Phase zwei wäre gewesen, ein Gespräch in der ganzen Stadt anzuregen. Aber so weit ist es ja nicht gekommen, die Kontroverse ist im politischen Kreis geblieben letztendlich, weil die Aktion viel zu früh aufgeflogen ist. Wünschenswert wäre es gewesen, dass die Bürger darüber diskutieren. So ist der satirische Teil der Aktion in den Vordergrund gerückt. Aber genau diese Kontroverse, dass sich Leute für das Kaiser Wilhelm Center interessieren und es für eine gute Idee halten und andere sich furchtbar darüber aufregen, wollten wir ja.

Foto: Patrick Pekal

Klar, es hätte bestimmt auch das ganze Meinungsspektrum gegeben von „Wir brauchen einen Konsumtempel, ins Museum geht ja eh keiner“ bis „Das  Museum ist uns heilig“.

Nicolai: Genau, die schlechten Besucherzahlen waren ja auch der ausschlaggebende Punkt, warum wir auf diese Idee gekommen sind. Es gehen ja vielleicht täglich drei Leute ins Kaiser Wilhelm Museum. Dabei hat es eine wirklich großartige Sammlung und die guckt sich keiner an. Und wir fragen uns: Woran liegt das? Da liegen Themen wie „Muss sich Kunst und Kultur lohnen?“ nahe. Und genau an dem Punkt beginnt auch die Diskussion über den Kunst- und Kulturbegriff, den eine Stadt hat.

Malte: Da reden jetzt vielleicht nicht alle Leute drüber, die diese Aktion mitgekriegt haben. Denn für viele stand wirklich eher der satirische Effekt im Vordergrund: „Haha, da wurden die Politiker und die Stadt gefoppt.“ Das haben wir natürlich auch getan, das ist aber nur ein Teil des ganzen Themas. Wir haben auch am Rande Gespräche mit Politikern und Leuten aus der Kulturszene gehabt, in denen sich herausstellte, dass wir wirklich Diskussionen angestoßen haben. Das freut uns natürlich sehr, dass da verschiedene Standpunkte ausgetauscht werden über Kulturpolitik.

Gerade die Frage „Wie viel darf Kultur kosten?“ wird ja seit längerem in Krefeld diskutiert wegen der Sanierung von Theater und Kaiser Wilhelm Museum. CDU-Fraktionschef Wilfried Fabel hat ja mal den berühmten Satz gebracht: „Sonderwünsche von Kulturfreaks akzeptieren wir nicht mehr.“ Jemand hat dann Kulturfreak-Buttons produziert…

Nicolai: Super, ich will auch so einen Button.

Welchen Stellenwert hat denn eurer Meinung nach Kultur in Krefeld.

Nils: Die Quer-geschnitten-Ausstellung läuft scheinbar ganz gut. Als ich letztens da war, standen bereits im Eingangsfoyer mehr als acht Leute.

Juhu!

Nicolai: (lacht) Auf einmal – und nicht über den ganzen Tag verteilt.

Nils: Irgendwie scheint diese Ausstellung ganz gut anzukommen. Die Leute in Krefeld sind interessiert daran.

Vielleicht zeigen sie dadurch ihren Lokalpatriotismus.

Nicolai: Klar, die Reaktionen sind ja auch immer diegleichen: Die Leute sind erstaunt, welche Qualität die Krefelder Kunstszene zu bieten hat. Das ist ja auch wirklich erstaunlich. Die meisten nehmen das auch sonst nicht wahr. Sie denken: „Ach, da malen ein paar Leute schöne Bilder.“ Aber welch hohes internationales Niveau wir da zu bieten haben, sieht man jetzt zum ersten Mal gebündelt.

Was war denn das schönste Feedback, das ihr auf eure Aktion bekommen habt, und was das allerschlimmste?

Nicolai:

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Und Kritik, klar, die war ja einkalkuliert. Sie gehört zur Kontroverse dazu. Mit der haben wir ja auch gerechnet und hätten uns sogar viel mehr negative Meinungen gewünscht. In der Rheinischen Post waren bei einer Umfrage 80 Prozent für das Projekt und 20 Prozent dagegen.

Malte: Nicht so positiv waren die Headlines in der Presse direkt nach der Enttarnung. In der einen Zeitung war von „Schabernack“ die Rede , die andere Überschrift lautete: „Künstler narren die Stadt“. Das ist zwar nicht falsch, aber es hat die ganze Wirkung der Aktion in diese Richtung kanalisiert: Witz, Schabernack, PR-Aktion.

Stimmt, das hat die Wirkung einer Parodie erzeugen lassen.

Nicolai: Das hat’geprägt. Und das hat auch die ganze Diskussion geprägt.

Malte: Ja, das war ein bisschen schade. Hätte da nicht direkt „Schabernack“ gestanden, dann hätte das eine ganz andere Kraft entfalten können.

Das ist die Crux mit den Überschriften: Einen Sachverhalt in nur einer Schlagzeile treffend wiederzugeben, ist gar nicht so einfach. Vielleicht waren die Redakteure ja auch selbst so von eurer Fälschung überrascht, dass sie ihren eigenen ersten Impuls dargestellt haben.

Nicolai: Also, das weiß ich jetzt nicht, das ist reine Spekulation: Aber vielleicht waren sie auch ein bisschen angepisst, weil wir sie natürlich auch benutzt haben. Wir haben ja nicht gesagt: „Leute, das ist ein Fake, schreibt da mal etwas drüber.“ Sondern wir haben sie auch angeschrieben und versucht, sie in die ganze Nummer hereinzuziehen.

Hat euch die Heftigkeit der Reaktionen überrascht und was hat euch das im Endeffekt über Krefeld verraten?

Nicolai: Wir wussten wirklich nicht, was passiert. Wir haben alle Möglichkeiten in Betracht gezogen. Es hätte ja auch direkt eine Luftnummer werden und platzen können. Damit haben wir auch gerechnet. Es hätte aber auch noch viel, viel heftiger kommen können. Letztendlich wussten wir auch nicht, worauf wir uns da einlassen. Werden sie uns am Ende verklagen? Die Drohung kam ja. Die wichtigen Leute haben wir mit ins Boot geholt: Das Museum wusste Bescheid, weil wir dem Museum damit ja auf gar keinen Fall schaden wollten. Deswegen haben wir das vorher abgeklärt. Und dass wir mit der Aktion unbequem waren, das war uns natürlich trotzdem klar.

Malte: Die Geschwindigkeit, mit der es dann ins Rollen gekommen ist, hat uns trotzdem überrascht.

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Nicolai: Wir hätten noch nachschieben können: Es gab Budget für eine Anzeige im Stadtanzeiger.

Wenn ihr das Ziel eurer Aktion in ein paar Worte packen müsstet, wie würdet ihr es beschreiben?

Malte: Wir wollten eine Diskussion anstoßen über Kultur, über Kulturpolitik. In dieser Stadt, aber auch im Allgemeinen. Man kann abschätzen, dass in diesen Zeiten die Mittel gekürzt werden. Im Ruhgebiet kommt jetzt die Ruhr 2010, da wird erst einmal ordentlich etwas rausgehauen, weil man damit angeben kann, welch tolle Kultur hier herrscht. Aber wie es 2011 aussieht… da darf man ein bisschen skeptisch sein.

Nicolai: Andererseits war es auch eine Erforschung unseres  eigenen Kulturbegriffs. Das ist natürlich auch immer wieder eine Diskussion und eine Frage, inwieweit Projekte bezahlbar sein müssen. Die Aktion war ja auch eine Investition für uns, die wir von uns aus getätigt haben. Der zweite Teil, der ja im Kaiser Wilhelm Center… (lacht)… ich kriege das nicht aus mir heraus, das wird ewig bleiben… im Kaiser Wilhelm Museum natürlich… zu sehen ist, der setzt sich noch viel tiefer mit unserem Kulturbegriff auseinander. Was ist der Impetus, also der Drang, selber Kulturschaffender zu sein? Wo kommt das her, was ist der Antrieb? Was ist letztendlich unser Kulturbegriff?

Und im Großen und Ganzen: Seid ihr zufrieden, wie es gelaufen ist?

Nicolai: Ja, auf jeden Fall.

„Quer geschnitten“ ist ja die erste Ausstellung von Krefelder Kunst in Krefeld seit langer Zeit. Wir haben drei tolle Museen, Kaiser Wilhelm, Lange und Esters, aber die stellen internationale Kunst aus. Welchen Stellenwert hat lokale Kunst?

Nicolai: Das ist eine seltsame Beobachtung, aber sie betrifft nicht nur Kunst, sondern auch Musik und Kultur im Allgemeinen: Die Krefelder Bürger haben ein ganz großes Identifikationsproblem damit. Da herrscht auch unter den Künstlern so ein Understatement, dass man sein Licht unter den Scheffel stellt. Und die  Kultur wird auch einfach nicht wahrgenommen. Denn sobald das Label „Krefeld“ drauf steht, denkt man sich: Naja, so toll kann das ja nicht sein.

Es ist ja eine Abwärtsspirale, die sich dadurch anbahnt: Es werden tolle Sachen angeboten, aber niemand geht hin. Deswegen refinanzieren sie sich nicht und keiner kann es sich leisten, Good-Will-Konzerte zu veranstalten oder ähnliches. Und dann ist in Krefeld nichts mehr los irgendwann.

Nils: Auf jeden Fall.

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Nicolai: Es liegt nicht am Angebot und nicht an den Machern. Von denen gibt es viele.

Wir haben eine Design-Fakultät an der Hochschule Niederrhein, an der es vor talentierten Leuten wie euch nur so wimmelt. Aber die Stadt gibt für Projektplanungen die Aufträge an große Agenturen, die sehr viel Geld kosten. Wie findet ihr das?

Malte: Das zeigt, dass es da noch nicht angekommen ist, dass es halt auch in Krefeld gute Leute gibt. Das ist natürlich schon schade.

Nicolai: Das ist ein Reibungsverlust. Die wenigsten Krefelder wissen, dass wir eine Design-FH haben. Das sagt viel aus. Das kommt in der Politik genauso an. Die denken auch nicht daran, dass hier viel kreatives Potenzial schlummert.

Nils: Die Hochschule tritt nicht so stark in Erscheinung. Insofern vermute ich, dass sie einfach nicht wahrgenommen wird von Politikern, die sich sonst mit sowas gar nicht beschäftigen. Die denken: Wir brauchen ein Logo oder etwas anderes, deswegen gehen wir zu einer Design-Agentur. Da nehmen wir natürlich die Großen, denn die haben einen Namen.

Nicolai: Dabei würden sie ja mit viel weniger Geld viel mehr erreichen können. Wenn sie ein paar Studenten ein paar Entwürfe machen lassen, müssen sie das am Ende ja noch nicht einmal nehmen.

Noch ein kleiner Vergleich: Es gab ja vor kurzem die sehr umstrittene Aktion „Krefeld – schön hier“. Viele haben die „Größte Postkarte der Welt“, die dabei entstanden ist, als große Geldverschwendung empfunden. Der Slogan wird von einigen Leserbriefschreibern von WZ und RP sogar vollkommen sarkastisch gebraucht. Was habt ihr besser gemacht als Oberbürgermeister Gregor Kathstede?

Nicolai: Kann man beide Aktionen vergleichen?

Na ja, es geht um positive Aufmerksamkeit, um Image.

Malte: Wir haben vielleicht da drauf gedrückt, wo es weh tut. Wo ein Problem ist, was auch thematisiert werden sollte und deswegen auch eine ganz andere Kraft hat. „Krefeld – schön hier“ war eine Imagekampagne, die versucht hat, alles zuzupflastern mit Image.

Nils: Es ist halt sinnfrei. So eine Postkarte hat keinen Inhalt. Es ist einfach nur eine Postkarte, die größte halt. Ein Versuch, ins Guinness-Buch der Rekorde zu kommen, aber mehr auch nicht. Wir sollten jetzt mal die dickste Postkarte der Welt in Angriff nehmen.

Malte: Es gibt einen Max-Goldt-Text über nicht so große Städte, die immer ein Superlativ brauchen. Wir haben halt die „Größte Straßenmodenschau der Welt“, Düsseldorf hat die längste Theke der Welt. Ich habe einen Aufkleber vom höchstgelegenen Moorheilbad Deutschlands. Jeder braucht so etwas anscheinend…

Nils: … um sich zu profilieren. Aber es geht halt nicht um Inhalte. Man will irgendwas haben, was plakativ ist, bei dem die Leute irgendwie an einem Strang ziehen.

Nicolai: Trotzdem kann man das nicht vergleichen, finde ich. Wir haben natürlich ganz andere Ausgangsvoraussetzungen. Wir können eben Salz in Wunden streuen, wir können Sachen machen, die so ein Oberbürgermeister nicht machen kann. Es ist wahrscheinlich einfacher, auf Probleme aufmerksam zu machen als positiv Marketing zu betreiben. Also, die Aktionen kann man nicht miteinander vergleichen, aber man kann natürlich schon fragen, warum die Reaktionen so unterschiedlich ausfallen. Und ein bisschen Marketing haben wir natürlich auch gemacht. Denn die Aktion war schon imagefördernd für Krefelds Kultur. Und natürlich für uns… (lacht). Das sollte man ja auch nicht totschweigen. Das stand wirklich nicht im Vordergrund, aber wir haben auch stark davon profitiert.

Nils: Allerdings nur bekanntheitsmäßig. Es ist jetzt nicht so, dass die Leute bei uns Schlange stehen und Konzepte für Museums-Umbauten nachfragen. Aber wenn jemand Interesse hat, dann darf er gerne kommen…

Foto: Patrick Pekal

„Quer geschnitten – Kunst aus Krefeld heute“ ist noch bis zum 30. Dezember 2009 im Kaiser Wilhelm Museum zu sehen.

Öffnungszeiten:
Di – So: 11 bis 17 Uhr, Mo: geschlossen

Ein Porträt des Künstler-Kollektivs Sputnic findet ihr hier.

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  1. [...] über die KaiserWilhelmCenter-Aktion und über Kulutr in Krefeld. Das komplette Interview gibt es hier Veröffentlicht von Malte Abgelegt unter News, [...]


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