Der Führerschein

Nur für Gefahrguttransport

Mein Morgen hat heute so schön begonnen. Ich bin gemütlich aufgestanden und habe sogar gefrühstückt, was ich super selten tue (keine Moralpredigt bitte, ich weiß, wie ungesund das ist). Ich hatte ja auch sehr viel Zeit zum Fertigmachen, denn Volker wollte mich von daheim abholen. Ein Luxus, kann ich euch sagen. Heute hatte ich sogar eine Doppelstunde und war der festen Überzeugung, dass wir ein paar Sonderfahrten abarbeiten würden – sprich Bundesstraße oder Autobahn.

Aber es machte am Anfang nicht den Anschein. Nach geraumer Zeit fragte mich Volker, ob ich mich mental fit fühlte – das fragt er immer, wenn er etwas Neues mit mir vorhat. Ha, ich wusste es. Wir einigten uns auf die Bundesstraße und ich freute mich sogar wirklich. Es ist schon interessant,
wie sich 100 km/h anfühlen. Vor allem wenn man bedenkt, dass sich bei meiner ersten Fahrstunde 30 km/h schon angefühlt hatten wie eine wilde Achterbahnfahrt. Ich habe, wie wahrscheinlich jeder in meinem Alter, Spaß an der Geschwindigkeit gefunden. Aber an eins werde ich mich nie gewöhnen: Bei so einem Tempo die Hände nicht in die Höhe reißen zu können und lauthals zu
jauchzen.

Eine fiese Falle hat mir der liebe Volker dann aber doch gestellt: Ich hatte gerade so an die Hundert gewöhnt und sah plötzlich ein Schild mit der Geschwindigkeitsbegrenzung 30 km/h vor mir. Ich dachte nur: „****“ – und drückte auf die Bremse. War übrigens keine gute Idee, weil ich die Kupplung dabei trat, was man bei einer solchen Geschwindigkeit nicht machen sollte. Das Gemeinste an der Geschichte war, dass ganz winzig unter dem Schild stand: „Nur für Gefahrguttransport“. Verdammt, doppelte Dummheit tut doppelt so sehr weh. Innerlich fluchend fuhr ich weiter. Nach anfänglichem Frust drehte ich wieder brav und gelassen meine Runden. „An der nächsten Ausfahrt rechts“, sagte Volker völlig normal. Als ich gerade abgebogen war und nicht mehr umdrehen konnte, schaute er mich ernst an und sagte: „Du tust jetzt genau das, was ich dir sage.“ Verdammt, was ist denn jetzt los, dachte ich mir. Irgendwas stimmt nicht. Und da sah ich das große Übel. Meine größte Angst, direkt vor mir – die Autobahn.

„Volker, du Verräter, du hast mir gesagt, dass wir mit der Autobahn warten und dass du mir rechtzeitig Bescheid sagst“, brachte ich geschockt über die Lippen. „Was hätte ich denn deiner Meinung nach tun sollen?“, fragte er. „Dir eine halbe Stunde vorher Bescheid sagen, so dass du vor Nervosität platzt?“ Naja, gut, Recht hat er ja. Und so fuhren wir auf den Beschleunigungsstreifen. Überall Monster-LKW – die ich schon als Kind gehasst habe, wenn sie auf der Autobahn an mir vorbeifuhren. Ich sollte mich direkt zwischen den beiden Alpha-Automobilen einfädeln, aber der Hintere ließ mich nicht rein und gab immer wieder Gas. Volker hatte mal in einer Theoriestunde gesagt, dass das super selten vorkomme. War ja klar – dachte ich mir, gab nochmal richtig Gas und drängelte mich zwischen die beiden.

„Uj, ich fahre Autobahn“, schoss es mir durch den Kopf. Ich weiß nicht, warum ich so einen Schiss davor hatte, denn schlimm ist es wirklich nicht. Sogar eher langweilig – immer nur geradeaus. Ehe ich mich richtig daran gewöhnen konnte, fuhren wir auch schon wieder runter und ich stellte fest,
dass ich mal wieder etwas völlig überbewertet hatte. Wie immer halt. Aber eins habe ich aus dem Erlebnis heute mitgenommen und drücke es mal mit den Worten von Joseph Conrad aus: „Ich glaubte, es wäre ein Abenteuer, aber in Wirklichkeit war es das Leben.“

Bis nächste Woche, Lorina

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